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Der traditionelle Umgang mit Kunststoff ist passé

Project Mainstream Analysis

Verarbeiter, FMCG-Hersteller und Händler müssen Wertstoffkreisläufe nachhaltig schließen / Von Thomas Reiner

Berlin. Kreislaufwirtschaft ist ein entscheidender Game Changer für Verpackungs- und Markenhersteller sowie Händler. Wer angesichts dieses disruptiven Trends sein traditionelles Geschäftsmodell in die Zukunft fortschreiben will und auf Evolution setzt, wird scheitern.

Es ist sinnlos, in einer Welt agieren zu wollen, die es gar nicht mehr gibt. Die Zukunft ist längst Gegenwart, und die Verpackung ist mittendrin – als Brennpunkt der Kreislaufwirtschaft und Botschafter für Nachhaltigkeit, als mediales Zentralorgan für vernetzte Verbraucher, Informationen und Dienste und als Fundament für ein „Internet of Packaging“. Agilität, Standardisierung, der Abbau von Komplexität und die Überlegenheit digitaler Plattformen stellen alte Strukturen und Geschäftsmodelle in Frage und sind bereits dabei, sie grundlegend neu zu gestalten.

Schon zu Zeiten der „Bonner“ Republik wuchs der Unmut vieler Bürger über die Abfallflut und überquellende Deponien. Der öffentliche Druck mündete Anfang der 1990er- Jahre in das politische Postulat der Produktverantwortung, aus dem die Verpackungsverordnung, das Duale System, das Kreislaufwirtschaftsgesetz sowie das Pflichtpfand auf ökologisch nicht vorteilhafte Einweg Getränkeverpackungen hervorgingen. 2018 sahen Entscheider oder für Verpackungseinkauf Verantwortliche von 120 europäischen FMCG-Herstellern „Nachhaltigkeit“ auf einer vierstufigen Wichtigkeitsskala auf Stufe drei und – gleichrangig mit Kostensenkung – als dominierenden Branchentrend. Umso erstaunlicher, dass die Akteure ihm nicht längst entschlossen Tribut gezollt haben. Womöglich wurde dies als nicht notwendig erachtet. Punktuelle regulatorische Eingriffe sorgten für moderaten Wandel im Umweltbereich, was vermutlich als ausreichend erachtet wurde. Das ist vorbei. Getrieben von wachsenden Sorgen um die Vermüllung der Ozeane und der weltweiten Grundsatzdebatte über das Packmaterial Kunststoff ist ein „Point of no Return“ erreicht worden. Der Protest ist im Wortsinn nachhaltig und flaut nicht wieder ab. Regulatorische Eingriffe allein werden es aber nicht mehr richten. Gefragt sind Lösungen, keine Aufgaben. Was nutzt ein Duales System, wenn im Durchschnitt ein Drittel der Konsumenten immer wieder daran scheitert, Hausmüll richtig zu trennen? Was bringen immer leichtere Verpackungen, wenn der Aufwand für stoffliche Wiederverwertung im Quadrat dazu wächst? Verpackungen wurden in eine Komplexität getrieben, die der Gesellschaft nun auf die Füße fällt.

Zusätzlicher Druck kommt von NGOs, die strategisch ausgerichtet sind, mit großen Budgets arbeiten und ihre Anliegen wirkungsvoll kommunizieren. Organisationen und Initiativen wie Greenpeace, Nabu oder die von der Ellen MacArthur Foundation initiierte „New Plastics Economy“ drängen die Kunststoffindustrie, sich neu aufzustellen. Vollkommen zu Recht, denn es ist inakzeptabel, dass aktuell weltweit nur 2 Prozent der jährlich produzierten Altkunststoffe werkstofflich recycelt werden.

Das alte, lineare System ist überholt. NGOs und Öffentlichkeit werden nicht ruhen, bis die Kreisläufe geschlossen sind. Die Politik wird diesem Druck nachgeben. Sie wird Kreislaufwirtschaft zunehmend gesetzlich verankern und versuchen, sie als Wachstumspaket auszuformen, das die globale Wettbewerbsfähigkeit fördert und neue Arbeitsplätze schafft. Kreislaufwirtschaft wird primär mit Verpackungen assoziiert, weil diese der Hauptverwender von Kunststoff sind. 2015 betrug die Verbrauchsquote in Europa knapp 40 Prozent. Am Kunststoffabfall machten Verpackungen aufgrund ihres kurzen Lebenszyklus sogar fast 60 Prozent aus.

Die Verpackungswirtschaft hat sich bereits entschieden, Veränderungen aktiv mitzugestalten. Sie unterstützt die gesetzliche Vorschrift, derzufolge ab 2022 bereits 63 Prozent der bei dualen Systemen lizenzierten Kunststoffverpackungen einer stofflichen Wiederverwertung zuzuführen sind. Der Pionier Werner & Mertz hat mit Partnern aus der Wertschöpfungskette seit 2012 einen Kunststoffkreislauf mit Material aus dem Gelben Sack geschaffen und produziert Flaschen und Verschlüsse aus 100 Prozent recyceltem PET, HDPE und PP. L’Oréal kooperiert in China mit Alibaba, um nachhaltige Verpackungen zu entwickeln. Und zahlreiche internatinale FMCG-Hersteller und Händler wollen bis 2025 nur noch Verpackungen einsetzen, die vollständig recycelbar, wiederverwendbar, kompostierbar oder biologisch abbaubar sind. Auch der Handel bricht zu neuen Ufern auf, wie unter anderem die Rezyklat- Initiative von dm-Drogeriemarkt, die Kooperation von LEHMarktführer Edeka mit dem WWF oder die „Verpackungsmission“ der Aldi-Schwestern zeigen. Die Schwarz-Gruppe geht sogar so weit, ein eigenes duales System aufzubauen, das 2020 starten soll.

Die Veränderungen werden grundlegend sein. Und sie fordern die Wirtschaft technologisch massiv heraus. Fest steht, dass sich die Materiallandschaft verändern wird. Der weltgrößte Lebensmittelhersteller Nestlé ist gerade dabei, die Kunststoffe PVC, PVDC, PS, ePS sowie Kunststoff-Papier-Verbunde aus seinem Packagingportfolio zu verbannen. Angeregt vom neuen Verpackungsgesetz dürften auch Verbunde aus Multilayer-Kunststoffen weniger häufig eingesetzt werden. Am stärksten werden die Auswirkungen bei flexiblen Verpackungen sein, obwohl hierzulande der CO2-Fußabdruck des Pro-Kopf-Jahresverbrauchs dieses Verpackungstyps gerade einmal demjenigen von vier Steaks, einer Stunde Schiffskreuzfahrt oder 45 Flugkilometern entspricht.

Der Druck auf Verpackungen wird nicht nachlassen, bevor eine überzeugende und akzeptierte Lösung gefunden ist. Alle entlang der gesamten Wertschöpfungskette Verpackung Beteiligten werden dazu einen Beitrag leisten müssen. Ein Beitrag, der über recyclinggerechtes Design und den Einsatz von Rezyklaten hinausgehen muss und die vier „R“ – Risk Management, Reduce, Reuse/Recycle und Renew – einschließt.

Dass Verpackungen einen Schwerpunkt in der Debatte um mehr ökologisches
Wirtschaften bilden, birgt auch Chancen, gerade für Markenhersteller und Händler. Denn intelligent gestaltete Hüllen von FMCG-Produkten können Nachhaltigkeitsbotschafter par excellence sein. Geht es um die Eignung von Medien, die ökologische Qualität eines Produkts zu vermitteln, steht die Verpackung mit weitem Abstand vor Webseiten, Onlinesuchen sowie TV- und Printwerbung. Nachhaltigkeit ist ohne nachhaltige Verpackungen nicht darstellbar und auch nicht möglich.



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